Über 80 Meter laufende Aktenbestände wurden 2013 auf Initiative des Kulturnetzwerks Osthofen ins Landeshauptarchiv nach Speyer gebracht, wo sie bis 2018 verzeichnet werden.  Danach kehren sie nach Osthofen zurück. Per Findbuch vor Ort oder mit Hilfe einer Online-Datenbank kann dann systematisch auf das Archivmaterial zugegriffen werden. Das Kulturnetzwerk Osthofen hat sich mit 1000 € an den Kosten der Aufarbeitung beteiligt.

NEU: Die erste wissenschaftliche Bewertung des Stadtarchivs Osthofen: „Eines der bedeutendsten Stadtarchive Rheinhessens“

Stellungnahme zur Bedeutung des Stadtarchives Osthofen
„Gemeinden sind wichtiger als der Staat“ –diese Äußerung ist für den ersten Präsident der Bundesrepublik, Theodor Heuß, bei seinem Besuch der Stadt Wiesbaden 1950 belegt. Damit brachte Heuß seine Überzeugung zum Ausdruck, dass nach der Katastrophe des „totalen“ NS-Staates der Neuaufbau von Staat und Gesellschaft aus den Gemeinden heraus erfolgen müsste.
In gleicher Weise kann man heute argumentieren, dass das kommunale Schriftgut wichtiger als das staatliche ist. Dafür spricht schon die Bürgernähe der kommunalen Verwaltung, welche sich im kommunalen Verwaltungsschriftgut widerspiegelt und die Entwicklung der städtischen Bevölkerung meist viel genauer widerspiegelt als das Schriftgut übergeordneter staatlicher Stellen.
Kommunales Schriftgut ist aber auch die Grundlage für die Pflege und Bewahrung einer kommunalen Identität, ohne die unsere Gesellschaft die großen Umbrüche und Herausforderungen der Gegenwart nicht meistern wird.
Das Stadtarchiv Osthofen ist mit seinem beträchtlichen Umfang von über 80 Regalmeter ein hervorragendes Beispiel für die historische Bedeutung und Bürgernähe von kommunalem Verwaltungsschriftgut. Mit Unterlagen zu den geistlichen Besitzungen reicht es bis in das 15. Jahrhundert zurück (Nr .194 f.), was eine Seltenheit unter den rheinhessischen Gemeinde- und Stadtarchiven ist.
Insgesamt spiegelt das Schriftgut die ganze Bandbreite einer allumfassenden kommunalen Verwaltung und der ihr obliegenden Daseinsfürsorge vom 17. bis in das 20. Jahrhundert: Bürgerlisten, Ratsprotokolle, Gericht, Feuerwehr, Schule, Landwirtschaft, Weinbau, Kriegszeiten und Kriegsfolgen. Sehr umfangreich ist insbesondere das überlieferte Rechnungsschriftgut, welches nicht nur die wirtschaftliche Tätigkeit der Gemeinde spiegelt, sondern auch die unternehmerische Struktur. Die Geschichte der medizinischen Versorgung der Bevölkerung mit Ärzten und Hebammen lässt sich bis mindestens 1757 zurückverfolgen (Nr. 184). Die Almosenrechnungen zeigen sehr eindringlich die Entwicklung des gemeindlichen Sozialwesens schon ab 1677 (Nr. 230-232).
Insbesondere die Tatsache, dass aus dem 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche Unterlagen enthalten sind, macht das Stadtarchiv Osthofen ungemein bedeutsam, haben doch viele Gemeinden in dieser Zeit mehr oder weniger ihr gesamtes Schriftgut durch Kriege verloren.
Eine weitere herausragende Besonderheit des Stadtarchivs Osthofen besteht darin, dass sich in ihm Unterlagen der französischen Kantonalverwaltung erhalten haben, welche neben Osthofen weitere 14 Gemeinden (Abenheim, Alsheim, Bechtheim, Dittelsheim, Dorndürkheim, Eich, Eppelsheim, Gimbsheim, Hamm, Heppenheim, Hessloch, Monzernheim, Rheindürkheim, Westhofen) umfasste. Mit Akten zu Fronleistungen, Steueraufkommen und Wehrpflicht spiegeln diese Unterlagen die großen Lasten, denen die Bevölkerung in der Zeit der französischen Herrschaft – 1792-1814 – ausgesetzt war. Umfangreiche Bevölkerungslisten und Volkszählungsunterlagen dieser Zeit bilden eine unschätzbare Quelle zur Erforschung der Bevölkerungsgeschichte.
Das Stadtarchiv Osthofen stellt eines der bedeutendsten Stadtarchive in Rheinhessen dar. Es ist die Grundlage der Erforschung der Orts- und Heimatgeschichte für alle örtlich Interessierten, aber auch für Schülerinnen und Schüler, die sich sehr für Geschichte motivieren lassen, wie Besuche und Forschungen im Landesarchiv Speyer zeigen. Das Stadtarchiv sollte daher ebenso Mittelpunkt einer Gemeinde sein wie Rathaus und Bürgerhaus.

27.2.15, Dr. Walter Rummel, Leiter Landesarchiv Speyer